In meiner Forschung befasse ich mich grundsätzlich eher mit dem Theater des 18. Jahrhunderts, vornehmlich in französischer und italienischer Sprache; in meiner Promotion dagegen habe ich mich mit der französischen Literatur des entre-deux-guerres auseinandergesetzt. Ich bin also keineswegs ein Spezialist für die Lyrik des 19. Jahrhunderts und erst recht nicht unbedingt für die französische Dichtung der Romantik – zumindest noch nicht. Meine Lehrtätigkeit hat mir jedoch ermöglicht, dass ich mich mit den kanonischen Texten genau dieser Epoche genauer auseinandersetzen kann. Und dabei durfte ich interessante Elemente entdecken, die eine Annäherung der romantischen Lyrik an Überlegungen zum Anthropozän und der Transzendenz eines anthropozentrischen Blickes ermöglichen. Diese Überlegungen sind im Rahmen eines Vortrages für die Vorlesung „Umbruch und Aufbruch: Romantik aus dem Geist der Revolution?“ entstanden und präsentiert worden.
„Naturkult und Entmenschlichung: Romantische Lyrik als Biopoetik“ weiterlesenKosmopolitische Netzwerke
Die Fälle des französischen und italienischen Theaters
In diesem Beitrag möchte ich einige Vorüberlegungen präsentieren, die meinen Ansatz an die Analyse materieller Netzwerke im Bereich des Theatertransfers des 18. Jahrhunderts prägen. In folgenden Artikeln werde ich auf einige Beispiele eingehen, die erklären, warum diese Theaternetzwerke so relevant für die französische und italienische Produktion sind.
„Kosmopolitische Netzwerke“ weiterlesenBegriffsbestimmungen des Kosmopolitismus
Konzepte des Kosmopolitismus im 18. Jahrhundert (mit einem Fokus auf Frankreich und Italien)
In meinem laufenden Forschungsprojekt zum Transfer von Theaterpraktiken im Europa des 18. Jahrhunderts steht eine Begrifflichkeit im Vordergrund: das Ideal des Kosmopolitismus. Dabei zeigt sich für das 18. Jahrhundert eine gewisse Doppeldeutigkeit: Einerseits avanciert Kosmopolitismus zum Leitgedanken der Aufklärung und durchzieht somit alle europäische Kulturen des 18. Jahrhunderts; andererseits wird aber auf der Ebene der historischen Fakten eine gewisse Hegemonialstellung Frankreichs deutlich. Aber auch im philosophischen Diskurs um das Ideal nehmen französische Stellungnahmen auch eine auffällig dominante Position ein, sodass die Forschung das Ideal auch mit dem Konzept der von Louis Caraccioli formulierten „Europe française“ in Verbindung gebracht wird(Fink, 1997, p. 277). Wie kann Kosmopolitismus demnach klar in wissenschaftlichen Termini aufgefasst werden?
„Begriffsbestimmungen des Kosmopolitismus“ weiterlesenTheaterreformen des 18. Jahrhundert – Wege zu einer kosmopolitischen Gesellschaft?
Welchen sozialen Wert kann ein Kunstwerk einnehmen? Diese Frage ist im 18. Jahrhundert besonders virulent und schlägt sich insbesondere in der Diskussion des Theaters nieder. Gerade im Kontext der europäischen Aufklärung wird die Vorstellung verbreitet, dass das Theater nicht nur Spiegel des gesellschaftlichen Lebens, sondern sogar eine Bildungsstätte des moralischen Handelns sein sollte1. Im deutschen Sprachraum wird dies insbesondere deutlich anhand der theoretischen Überlegungen von Lessing und Gottsched; im italienischen Theaterdiskurs wird die Idee der moralischen Reformierung des Theaters insbesondere in Verbindung gesetzt mit Goldonis Anstrengungen der Komödienreform; im französischen manifestiert sich die Bedeutung eines realitätsnahen und moralisch erbauenden Theaters zunächst in der comédie larmoyante von Pierre-Claude Nivelle de La Chaussée und findet darauf eine theoretische Weiterentwicklung im Konzept des drame bourgeois bei Denis Diderot. Dabei wurde bisher insbesondere das Augenmerk auf die Funktion der Klassenvertretung der reformierten Theaterformen gelegt: so zeigen sich gleichermaßen bei allen genannten Theaterautoren das Interesse dafür, die Figuren ihrer Stücke an das aufsteigende Bürgertum anzunähern und die bürgerlichen Figuren moralisch aufzuwerten. Die Reformen des europäischen Theaters des 18. Jahrhunderts legen aber noch mehr offen: nämlich eine – wenn auch zeitlich begrenzte – transnationale Bemühung, gerade die Komödie zum Sprachrohr einer kosmopolitischen Zivilisation zu erheben.
„Theaterreformen des 18. Jahrhundert – Wege zu einer kosmopolitischen Gesellschaft?“ weiterlesen- Cf. Iris Hafner, Ästhetische und soziale Rolle: Studien zur Identitätsproblematik im Theater Carlo Goldonis, Würzburg, Königshausen & Neumann, 1994, p. 50‑53. [↩]
À la Ligne von Joseph Ponthus: Arbeiterroman oder « refus de déclassement » ?
Eine Lektüre
2019 ging der Prix Eugène Dabit du roman populiste an den kurz darauf verstorbenen Autor Joseph Ponthus für seinen Debütroman À la ligne. Der Roman beschreibt in für die Gegenwartsliteratur bereits typischem autobiographischen Stil die harten Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse am Beispiel des homodiegetischen Erzählers, ein Zeitarbeiter in der Bretagne, der insbesondere in Fabriken für Fisch- und Tiefkühlgerichte sowie in einer Schlachterei als Aushilfe angestellt wird. Das Besondere am Roman ist allerdings die Form, denn Ponthus beschreibt seine Erfahrungen nicht in einem kläglichen und scheinsoziologischen Stil wie etwa Édouard Louis,1 noch in der „écriture plate“2 einer Annie Ernaux, sondern er versucht einen eigenen lapidaren Stil zu entwickeln, der sich insbesondere durch die Benutzung des freien Verses auszeichnet. Diese formelle Eigenheit zeigt nicht nur ideologische Probleme der Erzählhaltung auf, sondern weist dabei auch gleichzeitig hin auf das inhärente Problem des „roman populiste“ zu dem die Jury des Prix Eugène Dabit À la ligne offiziell erkoren hat.
„À la Ligne von Joseph Ponthus: Arbeiterroman oder « refus de déclassement » ?“ weiterlesen- Jérôme Meizoz spricht von einem „usage miérabiliste de la sociologie“ (J. Meizoz: „Belle gueule d’Edouard ou dégoût de classe ?“, COnTEXTES 14 (2014), en ligne : https://doi.org/10.4000/contextes.5879 (consulté le 24 avril 2022). [↩]
- Der Ausdruck stammt von Annie ernaux selbst: Annie Ernaux: La Place. Paris: Gallimard 1983, S. 24. [↩]
Die Banlieue, Verortung der “classes populaires” ? Sektion 11 des 13. Kongress des Frankoromanistenverbands in Wien
Vom 22. – 24.09.2022 findet der Frankoromanistentag in Wien statt. Gemeinsam mit meinen französischen Kolleginnen Constance Barbaresco und Sybila Guéneau leite ich eine Sektion zur medialen Darstellung der französischen Banlieue, angefangen im 19. Jahrhundert bis ins zeitgenössische Kino. Dabei werden wir insbesondere die Rolle der Banlieue als Verräumlichung der “classes populaires”, als Gefahrenort, aber auch als Kern der französischen Traditionen und der Populärkultur untersuchen. In den folgenden Absätzen folgt die Kurzvorstellung der Sektion und das Programm auf Französisch
„Die Banlieue, Verortung der “classes populaires” ? Sektion 11 des 13. Kongress des Frankoromanistenverbands in Wien“ weiterlesenVerteidigung der humanistischen Fotografie
Mit einem späten Nachruf auf Sabine Weiss
Roland Barthes gilt als einer der wichtigsten Kritiker und Denker des französischen Strukturalismus. Seine Überlegungen zum Realismus in der Literatur, allen voran sein bekannter Essay „L’effet de réel“ von 1968 sowie seine Ausführungen zu Balzacs Sarrasine mit dem Titel S/Z sind bis heute als tonangebend. Auch die Mythen des Alltags (frz. Mythologies) von 1957, die noch weiter am Anfang seiner Karriere stehen und seine Stellung als immer aufmerksamen Semiotiker prägen, werden immer noch als ein Meisterwerk angesehen, in dem ganz deutlich aufgezeigt wird, wie gesellschaftliche Stereotype das alltägliche Leben prägen. Doch während sich Barthes immer als Wissenschaftler aufgefasst hat, der die Mythen, die unser alltägliches Leben ausmachen, aufdeckt, zeigt eine genauere kontextualisierende Lektüre, dass sie auch beizeiten Mythen selbst schaffen können. Dies ist insbesondere der Fall bei seinem Essay „La grande famille des hommes“, den er der ersten Ausstellung humanistischer Fotografie in Paris widmet.
„Verteidigung der humanistischen Fotografie“ weiterlesenMacht als Willkür? Marivaux‘ kosmopolitische Hinterfragung sozialer Hierarchien in L’île des esclaves (1725)
Nach einer langen Veröffentlichungspause, die allerdings mit vielen Vorträgen gefüllt war, melde ich mich wieder zurück. Die folgenden Absätze fassen einige vorläufige Ideen zusammen, die ich im Kurs meiner aktuellen Forschung formuliert habe. Es handelt sich also keineswegs um abgeschlossene Analysen – sie sollen lediglich hier als Zwischenresultat gesichert werden und weitere Überlegungen (und nicht unbedingt nur bei mir) anstoßen.
„Macht als Willkür? Marivaux‘ kosmopolitische Hinterfragung sozialer Hierarchien in L’île des esclaves (1725)“ weiterlesenCalls (2017-2019) oder: Was ist eine Fernsehserie?
Im März dieses Jahres hat AppleTV+, der neue Streamingservice des Technologiekonzerns Apple, eine experimentelle Serie mit dem Titel Calls veröffentlicht. Was dabei häufig übersehen wird, ist die Tatsache, dass es sich um eine amerikanische Adaptation der französischen Serie Calls von Timothée Hochet, ausgestrahlt auf Canal+, handelt. Adaptationen von ausländischen Serien und Filmen sind im US-amerikanischen Filmbetrieb in keiner Weise eine Seltenheit, doch muss es erstaunen, dass Calls zu so früher Stunde in den noch nicht sehr etablierten Streaming-Service1 für das amerikanische Publikum integriert worden ist: Denn Calls ist im engeren Sinne kein Fernsehspektakel, sondern vielmehr eine „expérience auditive“ – so Hochet in seinem 2016 auf YouTube veröffentlichten Pilotfilm. Warum hat Apple also dieses Format übernommen – und das zu so früher Stunde in der Platzierung des neuen Streaming-Angebots?
„Calls (2017-2019) oder: Was ist eine Fernsehserie?“ weiterlesen- AppleTV ist bis zu dieser Stunde eine Verlustquelle für Apple und ist mit einem Marktanteil von 3% im ersten Quartal 2021 eine der unpopulärsten Streaming-Platformen in den USA, cf. Filipe Espósito, „Apple TV+ had only 3% market share in the US last quarter, Netflix still in first place“, 9to5mac.com (20.01.2021). [↩]
Jetzt erhältlich: L’Esthétique populiste. « L’Amour du peuple » dans la culture française de l’entre-deux-guerres
Meine Dissertation ist vor Kurzem bei DeGruyter erschienen. Grund genug, einen kleinen Einblick in das Thema meiner Promotion zu geben und ein wenig Werbung zu machen.
„Jetzt erhältlich: L’Esthétique populiste. « L’Amour du peuple » dans la culture française de l’entre-deux-guerres“ weiterlesen